Arlette Neumann

Alles Ausser – Gewöhnlich

Feuerwerk 2 <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Kirchenweb&nbsp;Bilder)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirchenweb.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>13</div><div class='bid' style='display:none;'>436</div><div class='usr' style='display:none;'>24</div>

Gedanken von Pfarrer Christoph A. Gasser zum Jahresanfang (publiziert als Editorial in der Februar-Ausgabe vom "Auf dem Weg")
Arlette Neumann,
Wie haben Sie diesen Titel verstanden, als Sie ihn zum ersten Mal wahrnahmen? Haben Sie sich die Variationen der Lesemöglichkeiten zurecht gelegt, konnten Sie sie verorten? Oder haben Sie sich eher etwas unmutig darüber aufgehalten, dass es auch in der Sprache nicht mehr so ist wie früher, als Ja Ja bedeutete und Nein Nein.

Alle die genannten und viele andere Reaktionen sind legitim, mithin also „gewöhnlich“.
Ich möchte mit Ihnen einen Bogen schlagen von „gewöhnlich“ über „aussergewöhnlich“ und zurück wieder zu „gewöhnlich“. Dabei merken Sie sofort, dass ich auf den Begriff „alles“ verzichtet habe. Ich werde ihn in einem späteren Abschnitt hereinbringen.

Wie haben wir unsere Umgebung am liebsten? Wenn es um den Alltag geht, ist es uns am angenehmsten, wenn relativ viel im Leben mal mehr oder weniger in einem gewissen gleichmässigen Trott vonstatten geht; dies braucht am wenigsten Energie (körperliche, geistige, seelische). Der Mensch ist grundsätzlich nicht für Extreme geschaffen, einzelne Könner*innen ausgenommen. Uns ist also einigermassen wohl wenn das Pendel nicht zu fest nach der einen oder anderen Richtung ausschlägt. Also gerne die gewohnte Arbeit, die gewählte Partnerschaft, die vertrauten Hobbies, die vor langer Zeit gewählte Wohnsituation. Für alle diese Gewöhnlichkeiten sind wir meist dankbar, ja wir sind zufrieden damit.

Damit sind wir mitten im Erleben des vergangenen Jahres. Wie hätten wir es geschätzt, in einer ganz gewöhnlichen Zeit ganz gewöhnliche Menschen zu sein, das Gewöhnliche zu sehen, zu fühlen, zu hören. Nichts war gewöhnlich oder gar vertraut. Es ist also unverkennbar, dass „Gewöhnlich“ dagegen sehr wohl auch eine Auszeichnung sein kann. Das Jahr 2020 war auf eine unangenehme Art aussergewöhnlich, hat uns einen riesigen Strich durch unsere Rechnung gemacht. Aussergewöhnlich in negativem Sinne, davon hatten wir wahrlich genug. Und dies muss uns erst noch bescheiden werden lassen. In der gegenwärtigen Weltlage müssen wir uns schon damit zufrieden geben, dass es uns längst genug wäre, einfach vom Aussergewöhnlichen zu unseren Gewöhnlichkeiten zurückzufinden. Zum unspektakulären Arbeitsplatz, zur vertrauten Wohnsituation, zur vertrauten, verlässlichen Partnerschaft.

Es dürfte eine Binsenwahrheit sein, dass es beim Bilanz-Ziehen im Leben ganz wesentlich auf den Blickpunkt ankommt, je nachdem kommt manchmal fast einander absolut Widersprechendes zum Vorschein. Das ist der Moment, in dem wir uns nach dem „alles“ sehnen. Alles möge sich in der einen oder anderen Ecke zusammenfinden, also alles soll alles sein, nur nicht „sowohl als auch.“ Wir können es drehen und wenden wie wir wollen. Eindeutigkeit im Leben gibt es nicht. Es kann niemals alles gewöhnlich oder alles aussergewöhnlich sein. Solchen Erfahrungen wären wir auch gar nicht gewachsen. Wohin also mit unserem Bedürfnis nach Sicherheit? Die Hoffnung, dass wir genug Beständiges um uns herum finden, ebenso auch ohne Schaden an Aussergewöhnlichem Freude haben können, nimmt ihren Anfang bei Gott, dem Schöpfer Himmels und der Erden. Wir können ihn in Anspruch nehmen. Er kommt uns über die Brücke entgegen. Er begleitet uns, im ganz gewöhnlichen Alltag, in der aussergewöhnlichen Krise, beim ausgelassenen Fest (das wir hoffentlich bald einmal wieder feiern dürfen), dort wo wir sind, ist er. Denn er ist „Alles ausser – gewöhnlich“.

Pfarrer Christoph A. Gasser
Bereitgestellt: 29.01.2021     Besuche: 55 Monat 
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